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Astronomie - Vermutlicher Meteorit ist Schlacke

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Mutmaßlicher „Himmelskörper“ zu leicht für einen echten Fund

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Zahlreiche Leser der Lampertheimer Zeitung berichten unserer Redaktion von eindrucksvollen Begebenheiten, die sie erlebt haben, und bitten mitunter um Unterstützung bei der Aufklärung der Hintergründe oder schlicht um eine Veröffentlichung, um die Erfahrungen anderer Leser zu nutzen oder Gleichgesinnte zu finden. So auch LZ-Leser Herr S. (Name und Adresse der Redaktion bekannt), der vor kurzem eine interessante Beobachtung gemacht hat.

Herr S. aus Lampertheim bemerkte eines Abends in seinem Hof, dass wenige Zentimeter seitlich seines Oberkörpers ein Gegenstand, von oben und damit vermutlich vom Himmel kommend, neben ihm eingeschlagen war. Da es dunkel war, markierte er die Stelle in seinem Hof, um am folgenden Morgen Nachforschungen anstellen zu können. Mithilfe eines Spatens ging er am nächsten Vormittag dem Ereignis im wahrsten Sinne des Wortes „auf den Grund“ und fand tatsächlich einen Gegenstand, der für seine Beobachtung in Frage kommen konnte. Das Fundstück war allerdings hinsichtlich seiner Zusammensetzung und seiner Form nur schwer zu identifizieren.

Schließlich reifte bei Herrn S. die Vermutung, dass es sich vielleicht um einen Meteoriten handeln könnte, der an dem besagten Abend vom Himmel gefallen war. Sein Verdacht wurde durch den Umstand gestützt, dass tatsächlich von Zeit zu Zeit wahre „Meteoriten-Regen“ („Meteoriten-Fälle“) auf unsere Erde niederprasseln. Warum sollte es sich folglich nicht um einen solchen Himmelskörper gehandelt haben, den er ausgegraben hat und der ihn am Vorabend nur haarscharf verfehlt hatte?

Kurz entschlossen wandte sich der Leser an unsere Redaktion und hinterlegte das ausgegrabene, rätselhafte Objekt bei unserer Zeitung mit der Bitte, bei der Aufklärung seiner Herkunft behilflich zu sein. Ein Mitarbeiter unserer Zeitung versuchte schließlich, Licht in diese Sache zu bringen, was nicht ganz einfach war.

Bei der Untersuchung solcher Phänomene ist es stets hilfreich, bei der Analyse eines unbekannten Gegenstandes, der in diesem Falle für einen Meteoriten gehalten wird, einen echten Meteoriten zur vergleichenden Betrachtung zur Verfügung zu haben. Der Zufall wollte es, dass unser Mitarbeiter im Besitz eines kleinen Meteoriten ist.

Meteoriten sind Festkörper aus dem All oder Kosmos, die die Erdatmosphäre durchdrungen und die Erdoberfläche erreicht haben. Solange sie sich noch im interplanetaren Raum bewegen, werden sie als Meteoriden bezeichnet, so dass sie letztlich beim Eintritt in unsere Atmosphäre entweder als Sternschnuppe verglühen, oder als Meteorit aufschlagen. In der Erdatmosphäre wird ihre ursprüngliche Geschwindigkeit von zirka 70 km/Sekunde oder 250 000 km/Stunde so stark abgebremst, dass sie durch die Reibungsenergie zusammenschmelzen und dabei eine sehr hohe Dichte erhalten. Als Sternschnuppe verglühen oder verdampfen sie unter Lichterscheinung auf ihrer äußerst kurzen Reise durch unsere Atmosphäre, die nur wenige Sekunden anhält.

Die vergleichende Betrachtung des Meteoriten mit dem Fundstück ergab, dass es sich auf den ersten Blick bei dem ausgegrabenen Objekt sehr wahrscheinlich um ein Stück Schlacke handelt, also um einen erstarrten Schmelzrückstand aus Nichtmetallen, der bei der Metallgewinnung entsteht. Dieser Begriff geht auf die Zeiten der Erzverhüttung zurück. Infolge geringerer Dichte wurden die dem gewonnenen Metall anheftenden Rückstände, die auf dem Metallbad schwammen, nach dem Abkühlen durch Abschlagen („Abschlacken“) vom Metall getrennt.

Bei den Schlacken handelt es sich um poröse Stoffgemische mit einer Dichte zwischen etwa 2800 und 3800 kg/Kubikmeter. Hochverdichtete Meteoriten liegen deutlich über solchen Werten. Aus diesem Grund wurde mit dem Objekt von Leser S. eine Dichtebestimmung vorgenommen, die sich aus der Division (Teilung) seiner Masse durch sein Volumen errechnen lässt. Bei einer Masse des Fundstückes von 36,6 Gramm und einem Volumen von 14 Kubikzentimetern errechnet sich ein Dichtewert von 2,61 g/cm³, was ziemlich exakt dem Wert von Schlacken entspricht. Die Dichtebestimmung des Meteoriten, der bei einem Volumen von 13 Kubikzentimetern eine Masse von 89,2 Gramm auf die Waage bringt, ergibt einen deutlich höheren Wert von 6,86 g/cm³.

Diese vergleichende Betrachtung lässt für Herrn S. nur einen Schluss zu: Es kann durchaus sein, dass seine abendliche Wahrnehmung mit dem Auftreffen eines Meteoriten zu tun haben könnte. Das Fundstück, auf das er bei seiner Ausgrabung gestoßen ist, kann allerdings aufgrund seiner sehr geringen Dichte kein Meteorit sein, sondern ist vermutlich ein Stück Schlacke.

Die Frage, wie die Schlacke auf sein Grundstück gekommen sein könnte, bleibt natürlich rätselhaft. Allerdings war Schlacke bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts als Baustoff und aufgrund der porösen Zusammensetzung als Dämmmaterial verwendet worden, da die in den Poren enthaltenen Lufteinschlüsse eine gute Wärmedämmung ermöglichen.

Viel wahrscheinlicher aber ist ein völlig anderer Ursprung: Bis in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts herrschte im Bahnhof Lampertheim noch Dampflokbetrieb. Beim Betrieb von Dampflokomotiven fielen Unmengen von Schlacke an, die zum Teil auch als Unterbau für die Gleise verwendet wurde. Da die Bahnanlagen in Lampertheim zu dieser Zeit noch sehr umfangreich waren, stammt dieses Fundstück mit großer Wahrscheinlichkeit aus dieser Zeit, zumal sich der Fundort nicht allzu weit von den ehemaligen Gleisanlagen befindet.

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Quelle: Lampertheimer Zeitung


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