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Planet Erde - Der erste Tag der Apokalypse

10.09.2019

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Feuersbrünste, Flutwellen, Klimakollaps: Vor 66 Millionen Jahren beendete ein Meteoriteneinschlag das Zeitalter der Dinosaurier. Jetzt haben Forscher die ersten 24 Stunden der globalen Verwüstungen rekonstruiert.

10 Billionen Tonnen TNT – so groß war die Wucht, mit der sich der Meteorit am Ende der Kreidezeit auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán in die Erdkruste rammte. Um die Dimension der wirkenden Naturkräfte anschaulich zu machen, bedienen sich Wissenschaftler bisweilen eines historischen Bildes und verwenden die Hiroshima-Atombombe, abgeworfen von den US-amerikanischen Streitkräften am Ende des Zweiten Weltkrieges, als Maßeinheit der Zerstörung.

Eine Milliarde Atombomben

Hiroshima mal eine Milliarde lautet die energetische Überschlagsrechnung – das mag nicht unbedingt der sensibelste Vergleich sein, geologisch betrachtet ist er in der Tat nicht so weit hergeholt. Wie der pensionierte Meeresforscher und Geologe Mario Wannier kürzlich herausgefunden hat, finden sich auf der Motoujina-Halbinsel in der Bucht von Hiroshima unzählige kleine Glaskügelchen, wie man sie bereits von Asteroiden- und Meteoritenkratern kennt. Sein Schluss daraus: Die Wucht der Atomexplosion war so groß, dass sich 1945 Teile der Stadt Hiroshima verflüssigten - und danach als tropfenförmige Partikel auf die Erdoberfläche herabregneten.

Protokoll der Katastrophe

Vor 66 Millionen Jahren war das auch der Fall, nur eben in ungleich größerem Ausmaß. Im sogenannten Chicxulub-Krater auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán beträgt der Durchmesser des geschmolzenen Gesteins 130 Meter. Diese Schicht sowie die Ablagerungen darüber hat nun der Geophysiker Sean Gulick für die Rekonstruktion der urzeitlichen Katstrophe an der Zeitenwende Kreide/Tertiär verwendet.

Seine aktuelle Studie zeigt, was in den ersten 24 Stunden nach dem Einschlag passiert ist – und welche Folgen dies für das Leben auf der Erde hatte: Wie Gulick mit seinem Team im Fachblatt „PNAS“ schreibt, hatte sich im Einschlagskrater bereits wenige Minuten nach dem Treffer eine ringförmigen Hügelkette gebildet, die binnen kürzester Zeit von herabfallendem Material bedeckt wurde. Zehn Minuten später türmten sich die Massen bereits 40 Meter hoch, nach Stunden waren es 80 Meter, am Ende des ersten Tages traf eine Flutwelle ein, die Sand und organisches Material in den Krater spülte.

Die von Gulick in Bohrkernen zusammengetragenen Beweisstücke - von Impakt-Gesteinen und Kalkschlamm bis zu Holzkohle und Kohlenwasserstoffen – belegen: Der Einschlag ließ das Gestein schmelzen, löste Feuersbrünste und einen Tsunami aus, der den nordamerikanischen Kontinent bis nach Illinois überflutete. Doch die langfristigen Folgen waren noch viel schlimmer.

Nachdem Gulick in den Bohrkernen keinerlei schwefelhaltiges Gestein finden konnte, gibt es für ihn nur eine schlüssige Interpretation: Bei dem Einschlag müssen insgesamt 325 Milliarden Tonnen verdampft bzw. in die Luft befördert worden sein. Dieses Ereignis war aus ökologischer Sicht die eigentliche Katastrophe. Erst dadurch brachen die Nahrungsketten zusammen.

Nach dem Feuer kam die Kaltzeit

Auch hier bietet sich der Vergleich mit einer Katastrophe der Menschheitsgeschichte an. Als im Jahr 1883 der Vulkan Krakatau ausbrach, stiegen Vulkanasche und Aerosole in die Atmosphäre und färbten den Himmel tiefrot. Manche vermuten gar, Edward Munch sei dadurch zur Farbgebung seines berühmten Bildes „Der Schrei“ inspiriert worden – sicher ist, dass sich in den folgenden Jahren das Erdklima merklich abkühlte. Die Durchschnittstemperatur sank um ein bis zwei Grad Celsius ab. Wie dunkel und wie kalt es vor 66 Millionen Jahren wurde, schreibt Gulick in seiner Studie zwar nicht. Doch er gibt den Lesern eine Vorstellung davon: Bei dem Meteoriteneinschlag wurde 10.000 Mal mehr Schwefel freigesetzt als beim Ausbruch des Krakatau. „Der wirkliche Killer war atmosphärischer Art“, resümiert Gulick. „Das ist die einzige Möglichkeit, um ein globales Massensterben auszulösen.“

Die Bilanz ist bekannt. 75 Prozent aller Tierarten starben aus, einige wenige Profiteure gab es auch, etwa die bis dahin nur als Insektenfresser in Erscheinung getretenen Säugetiere. Sie erlebten nach dem Ende der Kreidezeit eine regelrechte Blühperiode und besetzten viele der frei gewordenen Planstellen im Ökosystem.

„Dinosaurier könnten noch leben“

Was zur Frage führt: Hätte die Naturgeschichte auch anders verlaufen können? Der japanische Paläontologe Kunio Kaiho ist der Ansicht, dass die Dinosaurier heute durchaus noch leben könnten – wäre der Meteorit anderswo niedergegangen. Das Gebiet um die Halbinsel Yucatán gehört laut Kaiho nämlich zu jenen Regionen der Erdoberfläche, wo nach einem Einschlag besonders viele Rußpartikel in die Atmosphäre gelangen. Die Wahrscheinlichkeit für ein globales Massensterben bei einem Treffer dieser Größenordnung, rechnete Kaiho vor zwei Jahren in einer Studie vor, liege bloß bei 13 Prozent. Anders ausgedrückt: Die Dinos hatten einfach Pech.

Quelle: science.ORF.at

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